Alois Hermann

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    Alois Hermann - Künstler und Kreativtrainer

    Alois Hermann: Mich interessiert der Mensch...

    In der westeuropäischen Kunst - besonders in der Schweiz und Deutschland - gibt es eine lebendige bildhauerische Tradition, die zwar punktuell wahrgenommen wird, aber als eigenständige Linie innerhalb der Entwicklungsgeschichte der modernen Skultpur nicht hinreichend erkannt und beschrieben ist: die Holzbildhauerei. Wollte man diese "Gruppe" charakterieiseren beziehungsweise namhaft machen, so müsste man mit jenen Künstlern beginnen, die an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert im Rückgriff auf die Kunst der sogenannten Naturvölker das Material Holz für sich entdeckten: Gaugin auf Tahiti und die Künstlergruppe Brücke, besonders Heckel und Kirchner, im Naturkundemuseum Dresden. Kirchner kann als die eigentliche Vaterfigur der modernen Holzplastik gelten, der in den Schweizer Jahren (1917-1938) eine wahrhafte Bildhauerschule gründete; zu nennen sind hier vor allem die Basler Künstler Hermann Scheer und Albert Müller, aber auch ein Künstler wie Fritz Winter, der 1929 bei Kirchner in Davos die drei totemhafte Figuren in Holz schnitzte.

    Nach 1945 erkannten deutsche Künstler wie Georg Baselitz, Markus Lüpertz oder Karl Manfred Rennertz die Kraft der expressiv-realistischen Holzskulptur, die sie als Ausdrucksträger wieder belebten. In der Schweiz, die man im Grunde als Keimzelle dieser Art der plastischen Arbeit bezeichnen muss, ging hingegen das Bewusstsein für die moderne Holzskulptur fast gänzlich verloren; dies mag zum einen darauf beruhen, dass mit der bäuerlichen Volkskunst eine eigenständie Holzschnitzerei die öffentliche Wahrnehmung fokussiert, zum anderen beruht das Vergessen auf der langjährigen Dominanz der abstrakten und konkreten Schweizer Kunst, deren Rationalität und Programmatik bis in die 80er Jahre als die eigenständige künstlerische Leistung der Schweiz galt.

    Ab der Mitte der 80er Jahre griffen einige Künstler wieder auf das schon totgesagte Medium zurück, auch, weil die Neuen Wilden in Berlin, Hamburg, Köln und Zürich den Expressionismus, seine Rohheit, Spontaneität und Unmittelbarkeit revitalisierten. - Wobei man zu keinem Zeitpunkt von einer "neuen Schule" der Holzbildhauerei sprechen kann, zu individuell sind die Arbeiten. Auf der einen Seite finden wir jene Künstler, die ihre Holzskulpturen in einem umfassenden Raumkonzept einsetzen (Stephan Balkenhol, Stefan Pietrya, Werner Pokorny); auf der anderen Seite jene Künstler, die bewusst an das existenzialistische Erbe anknüpfen, unter anderem der Dresdener Holger Scheib, der Düsseldorfer Till Hausmann und eben der Luzerner Alois Hermann. - Wobei man festhalten muss, dass trotz aller konzeptuellen Unterschiede die Gemeinsamkeiten im Erscheinungsbild überwiegen. Alle geannten Künstler beharren auf der erkennbaren Figur, sei es Ding, Pflanze, Tier oder Mensch, als Träger der künstlerischen Aussage; die Holzskulpturen werden fast durchgängig farbig gefasst; meist wird die Einzelfigur in Ausstellungen als Teil einer Gruppe platziert, und - nicht zuletzt - die meisten dieser Künstler arbeiten gleichzeitig und gleichberechtigt noch in einem anderen Medium. Alois Hermann zum Beispiel im Holzschnitt.

    Hermann, der seit den frühen 90er Jahren kontinuierlich eine eigene bilhauerische Sprache entwickelt hat, ausgehend von in ihrer Symbolik eher anekdotisch oder theatralisch anmutenden menschlichen Figuren hin zuin sich ruhenden, blockhaften und statuarischen Verweisen auf die menschliche Existenz, gehört sicherlich zu den eigenwilligsten Holzbildhauern der Gegenwart - mit einem klaren Statement, das man so umschreiben könnte: "Mich interessiert der Mensch, der in jedem Baumstamm steckt."

    Zwei Werkgruppen lassen sich differenzieren: die bekleidete und die unbekleidete Figur, jeweils mit der Kreissäge aus dem Holz (Line, Pappel, Birke usw.) herausgeschnitten. Erster ist, dem Sujet entsprechend, meist grossflächig bemalt, wobei die Farbe (Rot, Schwarz, Weiss, Dunkelgrau) sowohl als Lokalkolorit wie auch als expressive Akzentuierung zu lesen ist, damit die Ambivalenz zwischen realistischem Abbild und metaphorisch überhöhtem Sinnbild unterstreichend. Innerhalb dieser Werkgruppe finden wir auch die Mehrfigurigkeit, teila als Versammlung mehrerer Einezlfiguren, die in der Gestaltung, aber auch der jeweiligen Aufstellung aufeinander bezogen werden, teils aber auch als "Mann-Frau-Gruppe", die aus einem Stamm gewonnen wurde. Überhaupt scheinen die Gewandfiguren (deren Kleidung anonym, zeitlos wirkt) in der Anordnung und den kleinen Gesten das Spannungsverhältnis zwischen den Geschlechtern zu thematisieren, gelegentlich auber auch pointiert auf die Trias hinzuweisen, in der Menschheit entsteht: Frau-Kind-Mann - als essentielle Wesen.   

    Bei den Aktfiguren, durchgängig weiblich, im ersten Blick "reiner", wird die Farbe (Schwarz und Rot; die Pole: Leben und Tod) sparsamer eingesetzt, als Markierung, welche die körperlichen Koordinaten klärt und betont (Mund, Brustwarzen, Scham, Finger usw): Der Ton des Holzes bezeichnet die Haut. Und deutlicher als bei den bekleideten Figuren variiert der Künstler hier die klassischen Motive der figurativen Plastik wie Stand- und Spielbein oder Figura serpentinata. Ueberhaupt spielen in dieser Werkgruppe Bewegungsmotive, Gestik und Mimik eine besondere Rolle. Dass sich die Figuren sozusagen aus einem Baumstamm herauswinden, ihre bisher verborgene Existenz durch die Hand des Künstlers offenbaren, das bleibt bei den Aktfiguren sichtbar - man betracht nur den Sockel, der ier, stärker als bei den Gewandfiguren, ontologischer Teil des Menschenkörpers ist. Und im Sitzen, Kauern, Hocken, Stützen, Drehen des Körpers, den selbstreferentiellen Umarmungen, den Neigungen und Wendungen des Kopfes, aber auch den sorgfältig modulierten Blicken wird ein sinnlicher und sinnhafter Kosmos entfaltet, der den Anlass der Gestaltung, die Schönheit des weiblichen Körpers, weit übersteigt - das Leben an sich beziehungsweise die Freude am Leben mit all seinen Facetten feiert, hierhin besonders einem dionysischen Realismus verwandt: Verdichtet in zwei Figuren der jüngsten Schaffensphase Alois Hermanns, den beiden Schwangeren, die ästhetische Formung und existentielle Schönheit ins Gleichgewicht bringen sinnlich vergegenwärtigen.

    copyright © Roland Scotti, 2002 - www.kirchnermuseum.ch