Alois Hermann

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    Alois Hermann - Künstler
    Dem Holz zu Leibe rücken

    Seine Figuren sind nicht en vogue und nicht aus dem kurzlebigen Eitelkeits-Paradies des Laufsteges. Sie eignen sich nicht als Vorlagen für die Werbung, die mit duftenden, lifestylig-erotisierten Körpern aus Bodybuilder-Studios hantiert. Gegenüber virtuell digitalisierten Puppen der Cyberspace-Factory nehmen sie sich wie prähistorische Findlinge aus.

    Die Skulpturen von Alois Hermann holen uns aus simulierten Scheinwelten in die Realität zurück - zu Mutters Erde, zu Vaters Wurzeln. So auch sind wir, so auch leben wir, so auch werden wir wahrgenommen. Die Uhr ist angehalten, keine Jahreszeit weit und breit, auch keine Schönheitskonkurrenz. Diese Menschen aus Holz und Farbe werden nie im Sonderausverkauf zum halben Preis angeboten - weil sie niemand anderem Platz machen müssen. Sie stehen hier, und sie ermüden nicht. Gelegentlich knackst das Holz und ein neuer Riss zieht sich über ihren Leib. Die fülligen, klobigen Körper verharren an Ort, die Füsse scheinen mit Boden oder Stamm verwachsen, die Arme sind angewinkelt.

    Ihre offenen Augen jedoch blicken in die Ferne und über den aktuellen Kalender hinaus. Man glaubt Fragen aus ihnen ablesen zu können. Woher kommen wir? Wer sind wir? Wie geht das weiter? Stimmt es, was längst gedicht ist, nämlich "Das Schicksal setzt den Hobel an und hobelt alle gleich"? Was ist, das ist gemacht; und was noch nicht gemacht ist, ist dies bald machbar?

    Der zeitlose, archaische Ausdruck dieser Figuren erklärt sich durch das Material und die Art seiner Bearbeitung. Holz ist ein lebendiger, amorpher Werkstoff mit Neigungen zum Widerspenstigen, Spröden und Urtümlichen. Es ist nicht knetbar, wird nicht flüssig. Holz muss schichtweise umgeformt werden. Alois Hermann arbeitet ohne Umwege, ohne Vorzeichnung oder Modell eine Gestalt aus dem manchmal bis zu einem Meter Durchmesser zählenden Stamm aus Linde, Pappel, Birke oder Kastanie heraus. Sein Instrument ist die Kettensäge, mit der er die Figur aus dem Block herausfräst, nicht bloss in den groben Zügen, sondern weitgehend bis zur Vollendung. Die rauhe und schrafflige Oberfläche, welche die Sägezähne auf der Holzhaut zurücklässt wird nicht geglättet und poliert - eine Feile kommt nicht zum Einsatz, doch mit verschiedenen Meisseln werden Gesicht, Hände und weitere Stellen bearbeitet. Das Holz zeigt, da der Bildhauer auf die kosmetische Nachbehandlung verzichtet, Falten, feine Spiesschen und Wunden; die Schnitte des Sägeblattes haben den Körper kantig gemacht.

    "Das Ursprüngliche muss erhalten bleiben, man darf am Schluss nicht 'bäschelen', ich will Menschen mit einem klaren Ausdruck, nicht auf die exakten Proportionen kommt es an, sondern auf den Charakter", sagt Alois Hermann. Auch Figuren, die später teilweise bemalt oder betupft sind, denen sozusagen ein Farbkleid überzogen wird, verbleiben in einem Zustand rustikaler Expressivität. Es ist die "taille directe", der Prozess der unmittelbaren Formgebung und Materialbearbeitung, des Zusammenpralls von Werkzeug und Werkstoff, verbunden mit der Bemühung um das "Herausholen" eines ungekünstelten Menschenbildes, die Alois Hermann faszinieren. Die Arbeit, sich ein im Kopf gespeichertes Bild dreidimensional in einem Bloick aus Holz vorzustellen und mit einer nicht zur Feingarnitur der Künstlerwerzeuge zählenden Kettensäge herauszuschälen, verlangt Konzentration. Dieser Akt der Figurenwerdung interessiert den Künstler am meisten - es sind dies Stunden oder Tage höchster Dynamik und Spannung.

    Die Figur wächst, je stärker der ursprüngliche Holzstamm zerstört wird. Die Behandlung des Rohstoffes verlangt nicht zaudernde, sondern draufgängerische Arbeit. Aber nie darf es zu viel sein, sonst bleibt nur Sägemehl übrig.

    Auslöser für Alois Hermanns Holzskulpturen sind Personen aus des Künstlers Umfeld oder auch Unbekannte, die ihm unterwegs auf Reisen begegnen und von denen ihm eine Geste, eine Bewegung, eine Inbesitznahme des Raumes in Erinnerung geblieben sind. Es sind nur scheinbare "Porträts", niemand sitzt dem Künstler Modell. Er hat ein Bild im Kopf abgelegt, das ihn nicht mehr loslässt und ihn eines Tages zwingt, dieser Vorstellung auch einen Körper zu geben.

    Karl Bühlmann, Ausstellungskatalog, Galerie Gersag 2000